Influencer-Drama schadet dem Ansehen von Games

Quelle: Herr Currywurst/Youtube

Ein Youtube-Drama ist ein Phänomen, das für die einen viele Klicks und für die anderen das Karriereende bedeuten kann. Auch in Deutschland ist der (teils inszenierte) Beef zwischen Influencern nichts Neues. Und jetzt trifft es auch die Streamer-Community. Ein schlechtes Zeichen für die Games-Industrie. Vorsicht: Dieser Artikel kann polarisierende Meinungen enthalten.

UPDATE: Das Statement-Video von Herr Currywurst wurde inzwischen gelöscht.

Kevin ist 24 Jahre alt und professioneller Streamer und Let’s Player. Er sitzt vor seiner Kamera und weint. Einige seiner Freunde und Arbeitskollegen haben sich gegen ihn gewandt. Kevin fühlt sich ungerecht behandelt. In den vorangegangenen Tagen wurde ihm von Mord bis Kindesmissbrauch einiges vorgeworfen. Die Wahrheit ist weniger dramatisch: Der junge Mann gibt an, seine Freundin mehrfach durch intime Chats mit anderen Mädchen hintergangen zu haben. Eine der Chat-Partnerinnen war erst 14. Das liegt bereits fünf Jahre zurück. Kevin war zu diesem Zeitpunkt 19. Sie also nach dem Deutschen Gesetz minderjährig, er ein Erwachsener.

Wer die Influencer-Szene in den letzten Jahren ein wenig beobachtet hat, kennt solche Videos. Ein Content-Creator wird für ein spontanes (PewDiePies Nigger-Ausrutscher) oder langanhaltendes (Projareds Austausch von Nacktbildern mit teils minderjährigen Fans) Fehlverhalten angeprangert, setzt sich mit wässrigen Augen vor die Kamera und entschuldigt sich. Ob der Bußgang ernst gemeint ist oder nicht, spielt kaum eine Rolle. Dieses Ritual ist inzwischen so etabliert, dass ein Entschuldigungs-Video wie das andere wirkt. Anschließend hofft der Betroffene, mit einigen verlorenen Abonnenten davon zukommen. In den USA bereits feste Instanz und in Deutschland seit einiger Zeit beliebt, erreicht das Influencer-Drama auch die hiesige Gaming-Szene.

Business is not business

Für Kevin, der im Internet als Herr Currywurst oder Curry bekannt ist, kann der Vorfall das Karriereende oder zumindest einen Knick in derselben bedeuten. Denn Currywurst ist nicht einfach Currywurst. Kevin ist Teil einiger Netzwerke, darunter die Influencer- und Social Media-Marketing-Firma Playmassive und HWSQ (Howaizen Squad), einem Kollektiv von Let’s Playern. Seine Partner und Arbeitgeber werden von der Kontroverse – zumindest teilweise – nicht begeistert. Zwei Mitglieder von HWSQ, Tobinator und Pandorya, haben sich zu dem Fall dahingehend geäußert, dass sie mit Kevin vorerst keine Videos mehr produzieren wollen.

Tatsächlich haben diese öffentlichen Freundschaftsaufkündigungen nebst nebulöser Andeutungen über die Gründe erst zu den spekulativen Anschuldigungen durch die Community geführt. Generell geben sich alle Beteiligten emotional und vage. Das ist als spontane Reaktion verständlich. Streamer leben von ihrer Persönlichkeit. Sie sind es gewohnt in der Sprache der (häufig jungen) Fans zu sprechen. Das ist eine der Grundlagen ihres Erfolgs. Geht es aber ums Geschäft, sollte Distanz bewahrt werden.

Die wichtigste Person und jemand der das Durcheinander vielleicht hätte verhindern können, ist Gronkh, der wohl bekannteste deutsche Let’s Player. Er hat nicht nur seine Hand in den genannten Unternehmen, sondern auch die nötige Erfahrung, um eine kritische Situation in bestimmte Bahnen zu lenken. Doch Gronkh schwieg und lies damit alle Beteiligten ins Messer laufen. Lediglich auf Twitter schrieb er, dass er keine Statement-Videos auf seinem Gaming-Kanal haben möchte und ihn Leute mit strengen Moralvorstellungen nicht anschreiben sollen.

Der zweite Punkt ist verständlich. Wenn ein 19-jähriger eine 14-jährige anmacht, ist das vielleicht unangebracht, hat mit Pädophilie aber nichts zu tun. Wenn die Auflösung von HWSQ nicht moralisch begründet ist, dann vermutlich geschäftlich. Die anderen Influencer müssen sich von Curry distanzieren, um sich selbst zu schützen. Aber warum gibt es dann kein gemeinsames Statement? Am besten mit strukturierten Argumenten, in gutem Deutsch und ohne Emotionen. So hätte man den Schaulustigen und Youtube-Drama-Kanälen den Wind aus den aufgeblähten Segeln nehmen können.

Games sind nicht genug

Herr Currywurst wird nicht der letzte sein, der in der Pfanne landet. Junge (und alte) Menschen, die einen hohen Einfluss auf andere haben, sind immer dazu verleitet, diesen auszunutzen. Die Sache unter sich zu klären ist schwierig, wenn die Beteiligten in der Öffentlichkeit stehen. Influencer stehen nicht wie Rockstars oder Schauspieler nur ab und an auf der Bühne oder vor der Kamera. Sie sind ständig präsent – sonst verlieren sie ihre Gefolgschaft. Kein Wunder also, ist Drama auf Youtube ein so beliebtes Thema. Doch der Games-Industrie tut das nicht gut.

Es sind nicht mehr Killerspiele, sondern überforderte Teens und Tweens auf Content-Plattformen und in sozialen Medien, die Videospiele in einem Zwielicht erscheinen lassen. Alle Beteiligten sollten sich fragen, ob ein paar Klicks es wert sind, an dem fragilen Gebilde der Games-Branche in Deutschland zu rütteln.