Zwischen experimentellen Indie-Games, interaktiven Installationen, digitalen Performances und einer kreativen Szene aus aller Welt wurde Berlin im Mai 2026 erneut zum Zentrum der alternativen Games-Kultur. Die 15. Ausgabe von A MAZE. / Berlin 2026 zeigte eindrucksvoll, dass Videospiele mehr sein können als klassische Unterhaltung. Vom 13. bis 16. Mai 2026 verwandelte das Festival verschiedene Orte in Berlin in eine riesige kreative Spielwiese für EntwicklerInnen, KünstlerInnen, MusikerInnen und experimentelle MedienmacherInnen.
Seit Jahren gilt A MAZE. als eines der wichtigsten Festivals für Arthouse-Games und „Playful Media“. Während große Gaming-Messen oft auf Blockbuster, Marketing und millionenschwere Produktionen setzen, verfolgt A MAZE. einen völlig anderen Ansatz. Hier stehen persönliche Geschichten, mutige Ideen, gesellschaftliche Themen und ungewöhnliche Spielkonzepte im Mittelpunkt. Das Festival versteht Spiele nicht nur als Produkt, sondern als künstlerisches Ausdrucksmittel.

Leidenschaft und ein bisschen kreatives Chaos – die Seele der A MAZE.
Die Jubiläumsausgabe 2026 markierte bereits das 15-jährige Bestehen des Festivals. Veranstaltet wurde A MAZE. erneut an einigen der spannendsten Kulturorten Berlins, darunter das silent green Kulturquartier und Panke Culture. Die Mischung aus industrieller Berliner Atmosphäre, alternativer Kunstszene und internationaler Community machte erneut einen großen Teil des einzigartigen Flairs aus.
Was das Besondere an der A MAZE. ist, lässt sich nicht allein über Awards, Spiele oder Ausstellungen erklären. Das Festival lebt vor allem von den Menschen dahinter. Man merkt an jeder Ecke, wie viel Liebe zum Detail in diesem Event steckt. Besonders Festivalgründer Thorsten Wiedemann und sein gesamtes Team schaffen es Jahr für Jahr, eine Atmosphäre zu erschaffen, die man auf kaum einem anderen Gaming-Event findet. Alles wirkt persönlich, leidenschaftlich und ehrlich – nicht wie eine sterile Business-Messe, sondern wie ein kreativer Treffpunkt von Menschen, die Spiele wirklich lieben.
Eine wichtige Rolle für das Gesamterlebnis spielten auch die Volunteers, ohne die ein Event dieser Größenordnung kaum möglich gewesen wäre. Überall halfen sie dabei, Besucher zu koordinieren, Technik zu betreuen, Fragen zu beantworten oder einfach gute Stimmung zu verbreiten. Gerade dadurch fühlte sich die A MAZE. trotz ihrer internationalen Bedeutung erstaunlich familiär an.
Ein weiterer Höhepunkt waren die Bühnenshows. Die Moderationen, spontanen Momente und originellen Auftritte sorgten immer wieder für laute Lacher im Publikum. Gerade diese Mischung aus Humor, Chaos und echter Begeisterung machte die Shows unglaublich unterhaltsam. Statt geschniegelt, gestriegelt und perfekt durchinszeniert wirkte vieles angenehm menschlich und spontan – genau passend zur Indie-Kultur des Festivals.
Das i-Tüpfelchen des Festivals war die große Award Show am Freitag, dem 15. Mai 2026. Moderiert wurde die Veranstaltung von Tim Rogers und Sarah Bashir, begleitet von einer Performance von Gelbart. Die internationale Jury bestand aus Anan Fries, Antonin Fourneau, Farfama, Meghna Jayanth und dem Vorjahresgewinner Julián Cordero. Gemeinsam zeichneten sie die außergewöhnlichsten Werke des Festivals aus.
Der wichtigste Preis: Der Most Amazing Award
Besonderes Augenmerk lag 2026 auf dem prestigeträchtigen Most Amazing Award, der an Trans Theft Horso von Ben Swithen verliehen wurde.
Das Spiel überzeugte Jury und Publikum gleichermaßen durch seinen einzigartigen Humor, seine absurde Welt und seine gleichzeitig tiefgründige Auseinandersetzung mit Genderidentität und queerer Freude. Was zunächst wie eine einfache Gefälligkeit für eine befreundete Person beginnt, entwickelt sich schnell zu einem chaotischen Abenteuer voller absurder Situationen, Kämpfe, Gesetzesbrüche und bewusst alberner Momente. Die Jury beschrieb das Werk als radikal politisch, weil es in einer zunehmend feindseligen Welt queere Freude und Humor in den Mittelpunkt stellt.
Auch die Persönlichkeit hinter dem Spiel blieb vielen Besuchern nachhaltig im Gedächtnis. Ben Swithen (they/them) wirkte wie jemand, der/die mit Leib und Seele Game Designer ist. Mit enormer Redegewalt, Humor und Charme schaffte Ben es, das gesamte Publikum innerhalb weniger Minuten in seinen Bann zu ziehen. Gerade auf einem Festival wie der A MAZE., das stark von persönlichen Begegnungen lebt, wurde schnell deutlich, warum Trans Theft Horso eine so starke kreative Handschrift besitzt.
Besonders spannend war außerdem, dass Ben offen aussprach, dass viele Elemente des Spiels durchaus autobiografisch verstanden werden könnten. Dadurch wirkte das ohnehin schon persönliche Werk noch authentischer und emotionaler. Gleichzeitig erzählte Ben, dass die Suche nach einer neuen Idee für ein Folgeprojekt bereits begonnen hat – eine Aussage, die im Publikum sofort für Neugier sorgte. Nach dem Gewinn des Most Amazing Awards dürften jedenfalls viele gespannt darauf warten, welchen kreativen Wahnsinn Ben Swithen als Nächstes erschaffen wird.
Ich wollte ein Spiel darüber machen, dass queer zu sein nicht die Ursache für all den Stress und die Herausforderungen ist. – Ben Swithen
Gerade diese Mischung aus Comedy, politischer Aussage und kreativer Freiheit machte Trans Theft Horso zu einem perfekten Beispiel dafür, wofür A MAZE. seit Jahren steht: Spiele als mutige Kunstform. Statt sich an klassischen Marktmechaniken zu orientieren, nutzt das Spiel Witz als Werkzeug für gesellschaftliche Reflexion. Viele BesucherInnen bezeichneten das Werk als eines der ungewöhnlichsten und zugleich herzlichsten Spiele des gesamten Festivals.
Der Gewinn des Most Amazing Awards gilt innerhalb der Indie- und Kunstspielszene als enorme Auszeichnung. Zahlreiche frühere Gewinner entwickelten sich später zu international gefeierten Projekten oder prägten ganze kreative Trends innerhalb der Independent-Szene.
Der WINGS Award als emotionale Überraschung
Ebenso viel Aufmerksamkeit erhielt der diesjährige WINGS Award, der an Name of the Will von Zeitgeist Studio verliehen wurde.
Der Preis hebt besonders atmosphärische, emotional intensive und künstlerisch herausragende Werke hervor. Laut Jury beginnt das Spiel mit einem simplen Gefühl: Etwas stimmt nicht. Dennoch geht der Alltag scheinbar normal weiter. Gerade diese subtile Unsicherheit erzeugt eine beklemmende Atmosphäre, die sich langsam immer stärker entfaltet.
Allem voran gelobt wurden die starke Inszenierung, das herausragende Writing und die Fähigkeit des Spiels, bereits in der Demo-Version Zweifel und Misstrauen auszulösen. Jedes Detail, jede Nachbarin und jeder scheinbar normale Moment wirken plötzlich verdächtig. Dadurch entsteht ein psychologisches Erlebnis, das die SpielerInnen dauerhaft beschäftigt. Die Jury beschrieb das Spiel als „beängstigend, immersiv und wunderschön“.
Gerade auf einem Festival wie A MAZE., das stark auf emotionale und experimentelle Erfahrungen setzt, traf Name of the Will offenbar einen Nerv. Viele BesucherInnen diskutierten nach dem Anspielen noch lange über Interpretationen und mögliche Bedeutungen einzelner Szenen. Der Gewinn des WINGS Awards machte das Projekt schlagartig zu einem der meistbeachteten Indie-Games des Festivals.

Weitere GewinnerInnen des Festivals: Vielfalt als Programm
Auch die übrigen Awards zeigten die enorme Vielfalt von A MAZE. 2026.
Der Human Human Machine Award ging an OTHERWORLDS von Sofia Bulgakova & Team. Das Werk verband digitale Räume mit rituellen, gemeinschaftlichen Erfahrungen und beeindruckte durch seine audiovisuelle Gestaltung und seine intensive Atmosphäre.
Der Long Feature Award wurde an Season 31 von MainSequenceStar verliehen. Das Spiel beginnt wie eine klassische Management-Simulation, entwickelt sich jedoch zunehmend zu einer tiefgründigen Reflexion über Machtstrukturen und Entscheidungsfindung.
Mit dem Digital Moment Award wurde coalescent || tidal rapture von Hanwen Xu & Hatim Benhsain ausgezeichnet. Die Jury hob besonders die sinnliche und geheimnisvolle Darstellung von Intimität hervor, die normative Vorstellungen bewusst hinterfragt.
Der Explorer Award ging an InSync von DaChu Interactive. Das Projekt verlangte von Spielern keine klassischen Eingaben, sondern Rhythmus, Geduld und körperliche Interaktion. Die Jury betonte besonders, dass hier keine technische Innovation im Vordergrund stehe, sondern eine völlig neue Form menschlicher Erfahrung.
Auch der XR-History Award der Körber Stiftung sorgte für Aufmerksamkeit. Ausgezeichnet wurde Flesh Network des Künstlerkollektivs Sickness International. Die interaktive Performance verband Themen wie Disability, Netzkultur und Körperlichkeit zu einer intensiven, fast körperlich spürbaren Erfahrung über Technologiegeschichte.
Die wichtigste Indie-Veranstaltung der Welt?
Für viele Indie-EntwicklerInnen fühlt sich die A MAZE. nicht wie eine gewöhnliche Messe an. Man fühlt sich dort tatsächlich wie ein Star – selbst als kleines Ein-Personen-Studio oder unbekannter Entwickler. Menschen interessieren sich ehrlich für die Projekte, stellen Fragen, diskutieren Ideen und feiern kreative Risiken. Genau das macht die Atmosphäre so besonders.
Während auf großen Mainstream-Messen oft Marketingbudgets und Reichweite dominieren, stehen auf der A MAZE. Kreativität und Persönlichkeit im Mittelpunkt. Deshalb sehen viele Entwickler das Festival inzwischen als das wichtigste Indie-Event der Welt an. Kaum irgendwo sonst treffen so viele experimentelle KünstlerInnen, mutige EntwicklerInnen und kreative Visionäre aufeinander.
Natürlich spielte auch das Berliner Wetter eine Rolle – leider nicht unbedingt positiv. Besonders zu Beginn des Festivals war es ungewöhnlich kalt und regnerisch. Das sorgte dafür, dass die Stimmung nach den eigentlichen Veranstaltungen manchmal etwas gebremst wurde. Gerade für ausgelassene Partys oder längere Nächte draußen wäre wärmeres Wetter perfekt gewesen. Trotzdem ließ sich die Community die gute Laune nicht nehmen, und selbst zwischen Regenjacken und kaltem Wind entstanden überall spannende Gespräche, neue Kontakte und kreative Ideen.
Ein Festival für die Zukunft der Spiele
A MAZE. / Berlin 2026 zeigte erneut, wie divers und emotional Spiele sein können. Statt ausschließlich auf Technik oder Profit zu setzen, präsentierte das Festival Spiele als Kunstform, als politische Aussage und als emotionale Erfahrung.
Besonders die GewinnerInnen des Most Amazing Awards und des WINGS Awards machten deutlich, dass mutige Geschichten, ungewöhnliche Perspektiven und kreative Freiheit weiterhin zu den spannendsten Entwicklungen der Games-Kultur gehören.
Damit bleibt A MAZE. nicht nur eines der wichtigsten Indie-Festivals Europas, sondern auch ein Symbol dafür, wie kreativ, überraschend und menschlich digitale Kunst im Jahr 2026 sein kann.
Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag von Benjamin Scharff. Vielen Dank, dass du für uns deine persönlichen Eindrücke festgehalten hast!
Über den Autor
Benjamin Scharff ist CEO und selbsternannter „Chefspatz“ von Sparrow Games, einem Entwicklerstudio aus Berlin. Gemeinsam mit seinem Team arbeitet er gerade am Projekt Obergenie, einem casual Puzzle-Game mit Fokus auf PvP. In seinem Entwicklertagebuch Indie-Gezwitscher teilt er regelmäßig mit euch seine Abenteuer als Indie-Entwickler in Deutschland. Ihr findet ihn auch auf LinkedIn.





