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Entwicklertagebuch „Indie-Gezwitscher“ von Benjamin Scharff: #2 Jahresrückblick 2024 – Teil 1

„Chefspatz“ Ben Scharff von Sparrow Games blickt im neuen Indie-Gezwitscher zurück auf 2024 – ein Jahr wie eine Achterbahnfahrt: rasant, unberechenbar und voller Wahnsinn und Wunder. Bereit? Dann Sicherheitsbügel runter – die Fahrt beginnt!

Wisst ihr, wie viel Zeit mich dieser Rückblick gekostet hat und weiterhin kostet? Ich kaue an ihm, wie ein Köter an seinem Knochen – ich sage nicht „wie ein räudiger Köter“, denn vielen, fundierten caninen Studien zufolge, kauen alle Köter gleich intensiv, seien sie nun räudig oder nicht. Und ich möchte mich nicht in die Tradition jener schlechten Romanciers stellen, die mit Adjektiven um sich werfen und dabei den wissenschaftlichen Aspekt außer Acht lassen. 

Und warum? Also warum bereitet mir dieser Text so viel Herzeleid? Weil das Jahr einfach zuuu gut verlief. Es war zu großartig, zu legendär, zu erschreckend und zu furchtbar. Zu abgrundtief, überirdisch, vielschichtig, komplex und wahnsinnig als das ein kleiner Artikel ihn würdig zusammenfassen könnte. Ich schreckte vor dem Versuch stets zurück, wie aus Angst, eine gewaltige Faust mit einem 2024-Tattoo würde aus dem Monitor schnellen und mir eine in die Newsletter-Fresse geben. ZACK! PENG!

Neues Jahr – neue Fails oder Das längste Intro, das ein Artikel über Indie-Games je bekommen hat, das eigentlich kein Intro mehr ist

Und dann war da noch der Anfang von 2025, als ich, wie ein kleines Präsent zum Jahreswechsel, mein Handy verloren habe. Und das war nur der Auftakt der Misere, das Vorspiel, die Gavotte, gespielt von den Unheilsboten des Schicksals, die sich so lange zurückhalten mussten und vor Freude kaum ihre Füße still halten konnten. Endlich bekamen sie freie Hand, diesem kleinen Indie zu zeigen, dass die Welt grausam, kalt und ungerecht ist – falls er es bis hierher noch nicht begriffen hatte. Das führte dazu, dass meine Motivation gegen null sank, überhaupt etwas zu schreiben – und Briefe zu lesen, die meistens mit „Weil“ oder „Wenn“ begannen und absolut nicht freundlich waren.

Die Tage vergingen und ich sah verschiedene Leute auf meinem Profil, vermutlich in stiller Verwunderung, warum nichts gepostet wurde. „Der gibt doch zu allem seinen Senf ab“, haben sie vermutlich gedacht. Und selbst jene Leser, die meine Texte verabscheuen und sie gerade deswegen immer als erstes lesen, werden in stiller Trauer eine Kerze angezündet haben – eine schwarze zwar, mit Totenschädeln darauf, aber dennoch als Akt der Trauer nicht verkennbar. Die Welt verlor, scheinbar, wieder etwas Verlässliches und sei es nur ein Artikel vom Chefspatzen. Aber damit ist jetzt Schluss! Das Jahr 2024 war eines der aufregendsten überhaupt, aus meiner beruflichen Sicht sowieso. Also beginnen wir. Beginnen wir damit, dass ich den Artikel aufsplitte, sonst werde ich ihn erst im Juni 2026 fertigstellen. Perfektionismus par excellence.

Teil 1: Wie eine Rakete! Wusch!

„Und Selbstständigkeit? Was ist damit? Wie wäre es, wenn du wieder selbstständig wärst und dein eigenes Spiel auf die Beine stellen würdest?“ „Niemals!“ „Und wenn dir jemand Geld bietet?“ „Niemals!“ „Und wenn du die Chance…“ „Niemals!“

Das war das Gespräch mit Daniel vor der Games Ground 2023, als ich noch fest davon überzeugt war, die Zukunft im Griff zu haben. Ich war nicht mehr verbittert, wegen der Niederlage von vor 6 Jahren. Ich hatte die Entwicklung als Ansammlung wertvoller Erkenntnisse gewertet. Aber ich war auch absolut überzeugt davon, dass ich das Kapitel „CEO meiner eigenen Firma“ abgeschlossen hatte. Und dann kam Maik auf der GG2023 vorbei, um das berühmte Penisspiel auszuprobieren, und danach wurde alles anders. Wie immer alles anders wird, aber dieses Mal war es ernst.

Ja, es war die richtige Entscheidung gewesen, Obergenie zu zeigen. Alle liebten es und wir liebten es, dass sie es alle liebten. Natürlich war es niemals als Paperprototype gedacht gewesen, vielmehr als Networkingtool, so provokant wie nur möglich, um viele neue Leute kennenzulernen. Aber wie immer, wenn ein Mensch ein mächtiges Werkzeug erschafft, gerät es irgendwann außer Kontrolle – wie viel mehr gilt dies für ein Spiel der Gemächter? Und so kam es dann auch.

Selige, wohlige Freude durchströmte mich, als mir Maik die Hand schüttelte und sagte: „Wir sind jetzt Partner.“ Einfach geil. Der Höhepunkt des Wolkesiebenfluges, den ich seit Monaten hingelegt hatte. Selbstständigkeit kann so viel schöner sein, wenn man Geld hat. 

Zuerst war es ja nur ein dahingesagtes Vielleicht, aber es genügte, um mich vollkommen zu begeistern und gewaltige Kohleschippen in meinen lodernden Motivationsofen zu schmeißen und die riesigen Zahnräder meiner Hoffnungsdampfturbine in Gang zu bringen. Und als es dann so weit war, fühlte es sich wie ein halbjähriger Trip an.

Ein neuer Publisher

Unerwartet, ungewollt und vielleicht gerade deshalb so genial, ließ ich mich von dieser Welle tragen, bereitete mich auf die beiden Pitches vor und führte intensive Gespräche mit Tom Putzki, der mir als Coach zur Seite stand und letztendlich entscheidend zum Erfolg der Operation beigetragen hat. Also wer Indie ist und Hilfe bei seinen Sachen braucht, wende sich vertrauensvoll an Tom! Seine Preise sind fair und seine Ratschläge unbezahlbar! Meine Meinung über Coaches war bescheiden, bevor Tom diesen Posten ausfüllte – aber ist ja eben der Kern von allem: die Learnings.

Solange man gestern dümmer ist als morgen, ist alles okay!

Dann begann das neue Jahr gleich mit einem Paukenschlag: dem Pitch. Pitchen war nichts komplett Neues für mich, aber nie war es so  „ernst“, so bedeutungsschwanger, so episch. Schließlich hatte der Publisher im Vorfeld ernstes Interesse gezeigt, ordentlich Geld in meine Idee zu investieren. Mir wurde aber auch gesagt, dass ich es schwer haben würde. Ich schwitzte also heftig und bereitete mich so gut vor, wie es nur ging. Ich musste den Pitch dann zweimal, an zwei unterschiedlichen Terminen, halten. Zusammen waren das knapp acht Stunden Überzeugungszeit. Kennt ihr die Geschichte von Sodom und Gomorrha? Da versucht Abraham, Gott zu überreden, die beiden Städte nicht auszulöschen. Nun verstand ich, wie er sich gefühlt haben muss. Aber ich war am Ende erfolgreicher als Abraham. Letztendlich wurde ich für meine Mühen tatsächlich belohnt und der Publisher investierte eine sechsstellige Summe in mein Projekt. Yay!

Was war euer überraschendster Moment in 2024? Kommentiert unten!

Über den Autor und die Kolumne:

Benjamin Scharff ist CEO und selbsternannter „Chefspatz“ von Sparrow Games, einem Entwicklerstudio aus Berlin. Gemeinsam mit seinem Team arbeitet er gerade am Projekt Obergenie, einem casual Puzzle-Game mit Fokus auf PvP. In seinem Entwicklertagebuch Indie-Gezwitscher teilt er regelmäßig mit euch seine Abenteuer als Indie-Entwickler in Deutschland – auf seinem LinkedIn-Kanal und bei uns auf gamerrepublic.de

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