Sparrow Games beim Games Ground 2024 mit ihrem Award für den zweiten Platz als Publikumsliebling.

Entwicklertagebuch „Indie-Gezwitscher“ von Benjamin Scharff: #1 Bewahrt euch eure Anfangserwartungen

Die Games Ground war eine weitere spannende Quest für unser Projekt Obergenie und ich habe bereits meine Belohnung erhalten: viel Erfahrung, kein Gold – aber einen Award für den zweiten Platz der Community-Lieblinge Das ist besser ist als Geld, oder?

Dachte ich zumindest – bis mich immer mehr Menschen gefragt haben, ob ich enttäuscht bin, dass es nicht der erste Platz geworden ist. Nun, ich habe nicht mal mit dem zehnten Platz gerechnet und sollte daher auch nicht enttäuscht sein. Aber nachdem der erste Schock verflogen war, dass ich tatsächlich auf der Bühne stehen und meinen Pokal hochhalten durfte, schlich sich doch so etwas wie Enttäuschung ein. Wie viel hat zum ersten Platz gefehlt? Wäre es nicht möglich gewesen, diese kleine Hürde auch noch zu schaffen? Daran zeigt sich, wie der Mensch tickt: die Erwartungen steigen mit dem Erfolg.

Als wir mit der Entwicklung von Obergenie anfingen, waren die Erwartungen bei allen Beteiligten vollkommen überschaubar. Das Ziel war es, bis zur gamescom einen spielbaren, digitalen Prototypen hinzubekommen. Ohne Grafik, kein Sound, nur die absolute Grundmechanik sollte spielbar sein. Und dann verstrichen die ersten Wochen und das Projekt/die Entwicklung nahm Fahrt auf. Schon beim ersten Sprint zeigte sich, wie effizient wir waren. Jeder von uns war auf seinem Gebiet Spitze und so schafften wir es nach sehr kurzer Zeit, auf einem Stand zu sein, den niemand erwartet hatte.

Doch je weiter wir kamen, desto größer wurde der eigene Anspruch. Plötzlich achteten wir auch auf Details, die ursprünglich eigentlich keine Rolle spielten. Auf einmal waren kleine Rückschläge, die es in jeder Produktion gibt, schwerwiegende Fehler. Alles fühlte sich von einem Tag auf den anderen so bedeutend an. Um die Stakeholder und unseren eigenen Anforderungen gerecht zu werden, mussten wir immer schneller und schneller arbeiten. Kleine Erfolge reichten plötzlich nicht mehr, um das Gefühl „etwas geschafft zu haben“ zu erzeugen.

Auf der gamescom dann war das Spiel nach zwei Monaten Entwicklungszeit auf einem Stand, den ich für den fünften Monat geplant hatte. Eigentlich ein Erfolgserlebnis, sollte man meinen. Faktisch war es das Schlimmste, was uns in dieser Phase des Projekts passieren konnte. Jeder, der Obergenie ausprobierte, sah kein unfertiges, gerade erst begonnenes Projekt im Alpha-Stadium, sondern ein fertiges Spiel ohne Polishing. Und das war nicht gut.

Wir mussten immer wieder darauf hinweisen, dass Obergenie einfach noch ganz am Anfang stand. Wir waren also weiter als ich es mir in meinen kühnsten Träumen vorgestellt hatte und trotzdem in keiner guten Position. Auch ich selber dachte mir: “Wenn wir so weit gekommen sind, wäre denn nicht noch mehr drin gewesen?”

Ich habe mit meinem Team Unvorstellbares erreicht. Unser Spiel wurde auf der gamescom und unzähligen anderen Events und Messen gezeigt. Es hat einen Preis gewonnen und die Zukunft sieht, so ungewiss und schwierig sie ist, alles in allem super aus. Und trotzdem frage ich mich jetzt immer wieder, ob wir nicht den ersten Platz hätten erringen können, wenn wir … Keine Ahnung… Wenn wir uns noch mehr Mühe gegeben hätten? Vollkommener Quatsch! Anfangs sagte ich noch, dass ich gar nicht scheitern kann, denn bereits die Entwicklung dieses Spiels ist ein Sieg, den mir niemand nehmen kann.

Und diese Einstellung dürfen wir nicht vergessen. Selbst wenn wir keine Preise gewinnt, sollten wir unseren Optimismus bewahren. Die Anfangsbescheidenheit darf sich nicht von den eigenen, immer größer werdenden Erwartungen erdrücken lassen. Diese Bescheidenheit ist mehr wert als alle Awards der Welt.

Über den Autor und die Kolumne:

Benjamin Scharff ist CEO und selbsternannter „Chefspatz“ von Sparrow Games, einem Entwicklerstudio aus Berlin. Gemeinsam mit seinem Team arbeitet er gerade am Projekt Obergenie, einem casual Puzzle-Game mit Fokus auf PvP. In seinem Entwicklertagebuch Indie-Gezwitscher teilt er regelmäßig mit euch seine Abenteuer als Indie-Entwickler in Deutschland – auf seinem LinkedIn-Kanal und bei uns auf gamerrepublic.de

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