Schimpft nicht auf das Fortnite-Kind!

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Wir Spieler sind stolz auf unser Hobby. Wie die Anhänger eines Fußball-Vereins, verteidigen wir unsere liebsten Spiele, sind seit unserer Kindheit Fan eines bestimmten Konsolenherstellers oder überzeugt, dass nur das eine Entwicklerstudio die ultimativen Spielerlebnisse schaffen kann. Neben tollen Spielmechaniken und beeindruckender Optik, ist es vor allem die Exklusivität des Gamer-Clubs, die uns bindet und am Ende wieder eint. Doch in den letzten Jahren scheinen Mobile-Gaming, Twitch-Streaming und Fortnite-Kids diesen magischen Kreis zu gefährden. Aber keine Angst, sie machen den Club nicht schlechter, sondern nur größer.

Ein kleiner Junge, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, steht mitten auf dem Schulhof und macht den Floss, einen Tanz aus Fortnite, bei dem die hängenden Arme abwechselnd vor und hinter den Körper geschlenkert werden. Für die meisten anwesenden Eltern mag das lustig aussehen, doch mir kommen dunkle Gedanken über den Zustand der Videospiel-Industrie. Werden wir Gamer so von außen wahrgenommen: Kleine Kinder, die alberne Tänze aufführen, wie Äffchen im Zirkus? Wahrscheinlich nicht, denn nur wer sich auskennt, weiß, dass der Junge ein beliebtes Videospiel nachahmt.

Kampf der (Videospiel-)Kulturen

Die Erkenntnis, dass ich auf dem Schulhof vermutlich der Einzige, oder zumindest einer der Wenigen war, die The Floss identifizieren konnten, kam mir erst deutlich später. Instinktiv hatte ich eine Abneigung gegen den Jungen gespürt, wie er mit seinen kleinen Beinchen auf dem Erbe der Videospiel-Industrie herum hüpfte und das Tänzchen mit einem Dab-Move abschloss, der mich immer an einen verschämten Hitlergruß erinnert. Es war mein Verlangen, die Nerd-Kultur zu schützen, zu der ich mich zähle. Doch Games sind inzwischen so viel mehr.

Viele von uns Ü30-Gamern, mich eingeschlossen, haben sich lange als etwas Besseres gefühlt, weil wir Pioniere waren – zumindest der modernen Videospiel-Geschichte. Denn mit dem NES startete die Branche so richtig durch und begann zu dem zu werden, wie sie heute existiert. Doch Games gibt es schon viel länger und die Zocker vor uns haben vermutlich aus einer ähnlichen Position auf uns herab geblickt. Dabei hat keiner von uns einen Grund dazu, denn wir sind alle Anhänger desselben Hobbys oder, um es anders auszudrücken, Mitglieder desselben Clubs, egal was wir spielen oder auf welcher Plattform – oder wann wir damit begonnen haben.

Tennis mit Oma und Opa

Dass die Kluft zwischen den Spieler-Generationen inzwischen so groß erscheint, liegt an dem immensen Wachstum der Videospiel-Industrie. In den letzten zehn Jahren hat sich so viel geändert. Mit der Nintendo Wii setzte erstmals einer der großen Konsolenhersteller bei seinem Flaggschiff-Produkt auf innovative Technik, statt auf Rechenleistung. Viele selbsternannte Hardcore-Gamer schrien empört auf. Andere spielten aber lieber mit den Großeltern Wii Sports. Mit Playstation Move, Microsoft Kinect und dem Wii Balance-Board (nicht zu vergessen, der bald erscheinende Ring-Con für die Switch), kamen einige Produkte auf den Markt, die nicht die etablierten Konsumenten ansprechen, sondern neue gewinnen sollten.

Auch neue Arten, auf Spiele zuzugreifen, spalten die Community. Während sich das Herunterladen von Games auf PC und Konsole via Steam, Xbox Live und anderen Stores etabliert hat, sehen viele das Zocken auf mobilen Plattformen und die immer wichtiger werdenden Streaming- und Abo-Dienste eher skeptisch. Auch der passive Konsum von Videospielen spielt eine Rolle: Durch Plattformen wie Twitch und Youtube haben Games eine viel höhere Reichweite als jemals zuvor. Durch die jeweiligen Formate werden bestimmte Genres wie Online-Shooter und Mobas bevorzugt. Schnelle Matches und viel Action kommen an und lassen sich gut kommentieren. Allerdings hätten Nischen-Titel wie Five Nights at Freddies, Getting Over It, PUBG und viele andere ohne Live-Streamer und Youtuber niemals Erfolg gehabt. Das trifft auch und besonders auf Fortnite zu.

Mario und Ninja sind keine Feinde

Es ist kein Zufall, dass Mesut Özil Fortnite streamt und Antoine Griezmann im Finale der Fußballweltmeisterschaft nach seinem Tor Take The L zum besten gibt, einen weiteren Tanz aus Fortnite, eine Art Kasatschok mit aus Daumen und Zeigefinger geformtem L auf der Stirn, um den Gegner als Loser zu verhöhnen. Die Entwicklungen im Fußball und in der Videospiel-Industrie ähneln sich sehr. Viele Fans fühlen sich durch Kommerzialisierung und globale PR-Maßnahmen von den großen Vereinen, respektive Publishern nicht mehr angesprochen. Aber müssen sie das unbedingt? Kann nicht jeder seine eigene Nische finden, gerade wegen der großen Auswahl? Augenscheinliche Gegensätze schließen sich nicht aus, sondern bieten Optionen – ob der FC Bayern und der kleine Regional-Verein im Fußball, oder das neueste Call of Duty und ein Indie-Rogue-Like im Gaming-Bereich.

Wir sind alle Fans, ob Sport oder Games. Was den einen die Trikots und Gesänge, sind den anderen bedruckte T-Shirts mit Pilzen und Torten, und ja, Fortnite-Tänze. Es sind Erkennungsmerkmale, die unsere Zugehörigkeit zur jeweiligen Kultur bezeugen. Und dass Fußballvereine durch Investoren gepusht und weltweit vermarktet werden, ist genauso förderlich für die Erweiterung dieses Marktes, wie der Erfolg von League of Legends und Fortnite für die Videospiel-Industrie. Auch wenn Streamer wie Ninja mit Letzterem regelmäßig die Charts anführen, wird es immer jemanden geben, der Super Mario oder den Titel eurer Wahl spielt. Das wird nie verschwinden, welches Spiel oder Genre auch gerade in Mode ist.

Ja, der Videospiel-Club ist nicht mehr ganz so exklusiv. Aber er ist nicht ruiniert, sondern hat sich nur verändert. Er befindet sich nicht mehr in einem kleinen, stickigen Raum, in dem gedrängt zwei, drei Grüppchen stehen und sich Streiten, ob denn nun Nintendo, Playstation oder PC die bessere Wahl ist. Es ist ein riesiger Komplex geworden, mit vielen Räumen und Möglichkeiten. Interessierte können in jedes Zimmer hinein spitzen und etwas zur Konversation beitragen. Und wem der Trubel zu viel wird, der zieht sich mit seiner Indie-Perle in eines der Séparées zurück. Es ist aber genauso gut möglich, sich mitten ins Foyer zu stellen und vor aller Augen The Floss zu tanzen.