Copycats sind in der Games-Branche kein neues Phänomen. Doch die Möglichkeiten, die sich durch die Kombination von Reverse Engineering und künstlicher Intelligenz eröffnen, stellen das bisherige Risiko des Ideenklaus weit in den Schatten. In jüngster Zeit häufen sich Fälle, in denen nicht einfach nur Spielideen kopiert, sondern auch der Code ganzer Games geklont und unter neuem Titel veröffentlicht wird. Wir erklären, was dahintersteckt und geben euch Tipps an die Hand, wie ihr euch davor schützen könnt.
Die Veröffentlichung von Demos oder Devlogs ist ein wichtiges Element für die Vermarktung und Weiterentwicklung von Indie-Projekten. Doch dieser in der Branche weit verbreitete transparente Umgang mit dem Entwicklungsprozess wird nun zur Bedrohung. Stand Herbst 2026 häufen sich die Meldungen von Code-Diebstählen, Veröffentlichungen von Klonen und sogar Fälle von Erpressungsmaschen. Dabei sind längst nicht mehr nur AAA-Produktionen betroffen, sondern vor allem Solo-Devs und kleinere Teams.
Bad Vibes: Vibecoding bedroht ganze Branche
Wie mächtig der Einsatz von künstlicher Intelligenz beim Reverse Engineering ist, zeigte jüngst der Fall von Marvel’s Wolverine. Ein User nutzte den bei einem Hackerangriff auf Insomniac Games geleakten Quellcode und generierte die fehlenden Skripte mithilfe von KI. Zwar ist das Ergebnis technisch instabil (aufgrund fehlenden Zugriffs auf die exklusiven PlayStation-5-Shader-Bibliotheken), zeigt aber doch auf erschreckende Weise die Möglichkeiten des Vibecodings. Konkret: Was früher ein ganzes Team von CoderInnen Monate gekostet hätte, erledigt die KI mittlerweile durch automatisierte Endlosschleifen in wenigen Stunden.
Während große Studios (in der Regel) genug Geld und Möglichkeiten haben, sich einigermaßen abzusichern, ist die Situation für Indies weitaus prekärer. BetrügerInnen laden sich frei zugängliche Demos kommender Indie-Titel herunter und dekompilieren diese mit leistungsfähigen KI-Modellen wie Claude Opus 5.5. Nun haben die ScammerInnen die Wahl: Das Spiel direkt als billigen Asset-Flip auf Steam veröffentlichen, bevor das Original fertig ist – oder die EntwicklerInnen um Lösegeld erpressen. Sind die Solo-Devs/Teams nicht fähig oder willens zu zahlen, geht der Klon online.
Passiert ist das unter anderem dem Team hinter My Own Hero Party. Wie ihrem Aufruf auf Reddit zu entnehmen ist, hat Incremental Games eine Demo ihres Spiels auf itch.io hochgeladen. Das Problem: Die Demo enthielt den Code für das komplette Gameplay. Sie hatten lediglich ein paar der unausgereiften Features deaktiviert. Die Diebe luden sich also die Demo herunter, konnten mühelos den kompletten Gamecode (re-)konstruieren und auf Douyin (chinesisches TikTok mit In-App-Shopping) veröffentlichen. Dort geht es momentan viral. Leider kein Einzelfall und daher ein ernstzunehmendes Thema.
So schützt ihr euren Code: Ideen aus der Community
Auch wenn es für uns unbegreiflich erscheint, ist dieses Vorgehen weder für die Diebe noch für die KäuferInnen ein großes Problem. Ein Appell an die Moral der AngreiferInnen wird daher leider wenig nützen. Einige bekannte EntwicklerInnen wie Lucas Pope (Papers, Please) sind mittlerweile schon dazu übergegangen, komplettes Stillschweigen zu ihren neuen Projekten zu wahren. Für jemanden, der neu auf dem Markt ist, ist das natürlich keine Option. Was also tun?
DISCLAIMER: Wir sind selbst keine Code-ExpertInnen und wir können euch auch nicht rechtlich beraten. Die folgenden Anregungen schützen zudem nicht automatisch vor dem Raub eures Spiels, aber sie machen es den Dieben schwerer und euch leichter, eure Urheberschaft zu beweisen. Hier sind also ein paar Tipps aus dem Netz, die zum direkten Umsetzen und Weiterdenken/-recherchieren einladen sollen:
- Trennt euren Demo-Code strikt vom Hauptspiel („Clean Builds“ ohne unnötige Inhalte, Assets etc.)
- Erschwert das Reverse Engineering (durch Compiler-Einstellungen, Code Obfuscation, ggf. Code Virtualization)
- Sichert eure Server-Infrastruktur (lagert schützenswerte Inhalte des Games auf sichere Server aus)
- Verwendet offizielle Code Signing-Zertifikate (macht Herkunft und Unverändertheit überprüfbar)
- Hinterlegt digitale Wasserzeichen im Code (schwer erkennbare Urheberkennzeichen als Beweismittel)
- Schützt eure Assets (Extrahieren und Wiederverwenden erschweren)
- Versteckt „spektrografische“ Wasserzeichen in euren Soundeffekten (erleichtert Wiedererkennung bei Diebstahl)
- Veröffentlicht offiziell eure Musik (dokumentiert eure Urheberschaft auf YouTube, Spotify und Rechteverwaltungsdiensten)
- Dokumentiert eure Entwicklung möglichst lückenlos (hilft im Streitfall eure Urheberschaft zu belegen)
- Reserviert euren Spielnamen frühzeitig auf allen erdenklichen Plattformen (ggf. Markenregistrierung anstoßen)
Quellen
Reddit: Eilmeldung! Wie bekämpfen wir das? und Wie gehst du mit der Angst um, dass dein Indie-Spiel gestohlen wird und Unser Spiel wurde gestohlen – Hier ist, was passiert ist
YouTube: The Clone Wars: Defending Godot Games From Reupload Scams – Yasen Dinkov – GodotCon 2026
Header: Symbolbild. Quelle: Unsplash, Autor: Florian Olivo
