Eingang zur Serious Play Conference Europe. Quelle/Autor: gamerrepublic.de

Serious Play Conference Europe 2026: Die Welt zu Gast in Mainz

Was haben eine Forscherin aus Singapur, ein Event-Organisator aus den Niederlanden und ein Indie-Studio aus Frankfurt gemeinsam? Vom 18. bis 19. Juni lautete die Antwort: Ihre Faszination für Serious Games. Mit der Serious Play Conference Europe machte eines der bekanntesten Konferenzformate der Branche erstmals Station in Deutschland. Und bewies, dass sich internationale Expertise und familiäre Community keineswegs ausschließen.

Mainz dürfte wohl nur den wenigsten als erstes in den Sinn kommen, wenn es darum geht, eine der bekanntesten Serious-Games-Konferenzen Nordamerikas nach Europa zu holen. Doch genau das hat Mind Games (Philipp Busch) zusammen mit dem Mutter-Format realisiert. Für zwei Tage wurde die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt zum Treffpunkt von EntwicklerInnen, WissenschaftlerInnen, Bildungseinrichtungen, NGOs und Unternehmen aus 30 Ländern und sechs Kontinenten, die eines verbindet: die Überzeugung, dass Spiele weit mehr sein können als reine Unterhaltung.

International – aber ohne Distanz

Wer bereits deutsche Branchenveranstaltungen wie die GermanDevDays, den Deutschen Computerspielpreis oder kleinere Stamm-Tische und Meetups besucht hat, weiß, dass diese geprägt sind von einem offenen Austausch in entspannter Atmosphäre. Die gamescom mal rausgenommen. Denn dort geht es laut, hektisch und eben auch sehr „international“ zu. Die Serious Play Conference hat es auf bemerkenswerte Weise geschafft, den internationalen Flair einer gamescom mit dem Wohlfühlfaktor „typisch deutscher“ Branchen-Veranstaltungen zu kombinieren.

Genau das hat für mich den besonderen Reiz der Veranstaltung ausgemacht. Zwischen den vielen BesucherInnen traf ich neben den „üblichen Verdächtigen“ aus der Rhein-Main-Region auch EntwicklerInnen oder Gamification-ExpertInnen aus den Niederlanden, Singapur oder Kanada. Trotzdem wirkte die Veranstaltung nie anonym oder geschäftig, wie man es von global ausgerichteten Events häufig kennt.

Ganz im Gegenteil: Anzugsträger traf man eher selten. Und wenn doch, dann verbarg sich hinter dem Anzug genau die gleiche Mentalität wie bei denen, die in Shorts und Shirt angereist waren. „Serious“ bedeutete hier keineswegs steif oder trocken. Angeregte Gespräche, spontane Kartenspielrunden und der Austausch in kleinen Gruppen bestimmten das Bild.

Die Außenfläche bot großzügig Gelegenheit, sich im Schatten bei einem Kaltgetränk auszutauschen und die müden Beine auszuruhen. Quelle/Autor: gamerrepublic.de
Die Außenfläche bot großzügig Gelegenheit, sich im Schatten bei einem Kaltgetränk auszutauschen und die müden Beine auszuruhen. Quelle/Autor: gamerrepublic.de

Wohlfühlfaktor statt Messe-Hektik

Auch organisatorisch war die Konferenz durchweg auf das Wohl der Gäste ausgelegt. Das begann bereits bei der Verpflegung. Kaffee, Kuchen und Wasser standen den gesamten Tag kostenlos zur Verfügung. Mittags gab es zusätzlich leckere Eintöpfe zu einem moderaten Preis. Das mag nach einem kleinen Detail klingen, aber weil es an beiden Tagen wirklich sehr heiß war, war gerade die Wasserversorgung wichtig.

Im Erdgeschoss präsentierten zahlreiche EntwicklerInnen ihre analogen und digitalen Spiele auf einer kleinen Expo-Fläche. Das gab Indie-EntwicklerInnen aus Deutschland die Möglichkeit, ihre Spiele vor einem internationalen Publikum zu präsentieren. Wobei das „Serious“ in den Games ehrlicherweise nicht immer ganz „serious“ genommen wurde und vor allem an den Gemeinschaftsständen der Bundesländer und Ausbildungsinstituten hier und da ein Casual-Titel dabei war.

Neben Verpflegung, Gelegenheiten zum Networking und dem Ausprobieren von Games gab es ein vielseitiges Rahmenprogramm mit insgesamt fünf Tracks: Inspiration Stage, Sun Stage, Workshop, The Sandbox, Walk & Talk. Die Themen deckten so ziemlich alles ab, was es an Anwendungsmöglichkeiten für Games oder Gamification gibt. Von Pädagogik über Erinnerungskultur bis hin zu Mitarbeitendenschulungen war ein breites Themenspektrum vertreten. Neben grundsätzlichen Denkanstößen boten viele Vorträge auch ganz konkrete Werkzeuge für die Praxis, beispielsweise ein Framework für EntwicklerInnen, die Narrative für Serious Games mit historischen Stoffen entwickeln. Oder ein Vortrag darüber, wie sich User-Testings für Serious Games sinnvoll organisieren lassen.

Das Format "Walk & Tag" war eines der  Hightlights des Konferenz-Erlebnisses. Quelle/Autor: gamerrepublic.de
Das Format „Walk & Talk“ war eines der Highlights des Konferenz-Erlebnisses. Quelle/Autor: gamerrepublic.de

Meine Highlights: Walk & Talk und Bootstour auf dem Rhein

Zugegeben, in die Talks habe ich nur kurz reingeschnuppert. Aber ein Format wollte ich mir nicht entgehen lassen: Walk & Talk. Anstatt nur einen weiteren Vortrag in einem der Konferenzräume anzubieten, wurde den Teilnehmenden ein Spaziergang zum Rhein offeriert. Während der Strecke wurde der Talk über ein Audiosystem übertragen, wie man es aus Museen kennt. Am Zielort, auf einer Wiese am Rhein angekommen, setzten wir uns auf eine Picknickdecke im Halbkreis um die Referentin herum. Fast wie ein Uni-Seminar unter freiem Himmel.

Aufgrund der hochsommerlichen Temperaturen war diese ungewöhnliche Talk-Erlebnis doppelt angenehm, denn die Bäume dort boten reichlich Schatten und vom Wasser kam eine kühle Brise herauf. Der gemeinsame Rückweg bot anschließend genügend Zeit, Gespräche fortzuführen oder durch den Austausch über das Erlebte neue Kontakte zu knüpfen. Ein simples Konzept – aber eines, das Networking deutlich natürlicher machte als ein „Speed-Dating“-Format.

Am Abend überraschte die Konferenz dann direkt noch einmal mit einem genauso ungewöhnlichen wie gelungenen Format: Eine Fahrt im Boot auf dem Rhein als entschleunigenden Abschluss des ersten Abends. Sollte die Konferenz nächstes Jahr wieder in Mainz gastieren und solltet ihr irgendwann den Aufruf sehen, bucht euch ein Ticket für die Bootfahrt, schlagt ohne Zögern zu! Es lohnt sich. Nach der Hitze des Tages war es wirklich angenehm zusammen mit einer etwas kleineren Gruppe in einem Boot über das Wasser zu schaukeln. Nicht zuletzt, weil ich hier noch einmal mit völlig anderen Menschen ins Gespräch kam, als ich es auf der Konferenz selbst getan hätte.

Die bunte Ausstellungsfläche zeigte die ganze Vielfalt an digitalen und analogen Serious Games. Quelle/Autor: gamerrepublic.de
Die bunte Ausstellungsfläche zeigte die ganze Vielfalt an digitalen und analogen Serious Games. Quelle/Autor: gamerrepublic.de

Fazit

Wer bei „Serious Games“ an trockene Lernsoftware denkt, wurde in Mainz schnell eines Besseren belehrt. Die Vorträge spannten den Bogen von Bildung, Gesundheit und Wissenschaft über Gamification bis hin zu kulturellen und gesellschaftlichen Fragestellungen. Statt einer klar abgegrenzten Branche trafen hier EntwicklerInnen, Hochschulen, Forschungseinrichtungen, öffentliche Institutionen und Non-Profit-Organisationen aus ganz unterschiedlichen Ländern aufeinander. Entsprechend unterschiedlich waren auch die Perspektiven auf Game Design und Spielentwicklung. Auch die ausgestellten Spiele machten sichtbar, wie weit der Begriff „Serious Games“ sein kann.

Die Serious Play Conference hat für mich gezeigt, dass sich internationale Reichweite und familiäre Atmosphäre nicht ausschließen müssen. Trotz Gästen aus aller Welt und aus unterschiedlichen Branchen wirkte die Veranstaltung angenehm nahbar, offen und fast schon gemütlich. Für EntwicklerInnen, Studierende und alle, die sich mit Serious Games oder Gamification beschäftigen oder in Zukunft beschäftigen wollen, hat sich die Serious Play Conference definitiv einen Platz im Eventkalender verdient.

Mehr über die Serious Play Conference erfahrt ihr auf deren Homepage.

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