Im Siegesrausch auf dem E-Sport-Event Hessen Crash, einem DER Treffpunkte für die Deutsche Fighting-Game -Community. Quelle: Hessen Crash/B2U, Autor: Lenny Munier

Hessen Crash XXIII: Kampfspiel-Kult im Kurhaus

Vom 5. bis 7. Juni verwandelte sich das historische Kurhaus in Bad Homburg in den Treffpunkt der deutschen Fighting-Game-Community. Bei der Hessen Crash XXIII traten mehrere hundert Spielerinnen und Spieler in offiziellen Qualifikationsturnieren und lockeren Casual-Matches gegeneinander an. Wir waren vor Ort und haben selbst erlebt, warum die Hessen Crash weit mehr ist als ein E-Sport-Turnier.

Ich gebe zu, mit E-Sport und insbesondere mit Fighting Games hatte ich bisher kaum Berührungspunkte. Mein Bild der Szene war geprägt von dem, was man aus den Medien kennt: gigantische Arenen mit grellen LED-Wänden, perfekt inszenierte Bühnenshows, auditorisch begleitet von wummernden Bässen, aufgeregten Kommentatoren und einem Publikum, das seine Stars frenetisch feiert. In meiner Vorstellung gehörten dazu auch bunte Frisuren, auffällige Cosplays und eine Szenerie irgendwo zwischen Fußballstadion und K-Pop-Konzert. Doch schon beim Betreten des Veranstaltungsortes der Hessen Crash wurde mir klar, dass dieses Wochenende mit meinen Vorstellungen gründlich aufräumen würde.

E-Sport unter Kronleuchtern

Marmorboden im Foyer, Parkett im mit Kronleuchtern geschmückten Festsaal. Ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn ich versehentlich in einen Abiball oder eine Kulturveranstaltung hineingeplatzt wäre. Das ist eher die Art von Events, die ich im Kurhaus einer der wohlhabendsten Städte Deutschlands erwarten würde. Doch stattdessen reihten sich unter den schweren Lüster Dutzende Tische mit PlayStations und Monitoren aneinander. An diesen Spiel-Stationen konnten die BesucherInnen in Testrunden oder Matchups ohne den Druck der offiziellen Turniere gegeneinander antreten. Ab und zu bildete sich um einzelne Duelle eine kleine Menschentraube – vermutlich waren hier Profis am Werk.

Um der Weltspitze vor Ort über die Schulter schauen zu können, genau dafür reisen viele der BesucherInnen extra an. Was vor vielen Jahren als regionales Treffen der Fighting-Game-Community im Großraum Frankfurt begann, hat sich längst zu einem international beachteten Turnier entwickelt. Heute kommen SpielerInnen aus der ganzen Welt nach Bad Homburg, um sich in offiziellen Qualifikationsturnieren zu messen und wichtige Punkte für internationale Turnierserien zu sammeln.

Besonders für Street Fighter 6 hat sich die Hessen Crash als feste Größe etabliert. Darüber hinaus standen Wettbewerbe in Tekken 8, Guilty Gear -Strive-, 2XKO, Granblue Fantasy Versus: Rising und Fatal Fury: City of the Wolves auf dem Programm. Letzteres ist Teil der offiziellen SNK World Championship, der internationalen Turnierserie des japanischen Fighting-Game-Publishers SNK. In dieser geht es um einen Gesamtpreispool von einer Million US-Dollar.

Natürlich gab es sie auch hier: die große Bühne. Gleich drei Turnier-Setups mit Großleinwänden bildeten das Herzstück des Wettbewerbs. Hier wurden die entscheidenden Matches ausgetragen, kommentiert und live in alle Welt übertragen. Mehr als 20.000 ZuschauerInnen verfolgten die Duelle über die Streams.

Ich hatte zwar mal eine Phase, in der ich Tekken regelrecht gesuchtet habe, dennoch habe ich ehrlicherweise nur einen Bruchteil dessen verstanden, was sich da auf den Bildschirmen abspielt. Was ich aber sehr wohl sofort begriffen habe: Während andere Kulturhäuser um ihr Überleben kämpfen, weil Konzert- und TheaterbesucherInnen im wahrsten Sinne eine vom Aussterben bedrohte Spezies sind, hat man hier in Bad Homburg einfach die Pforten für die Zukunft geöffnet:

„Als Kur- und Kongressbetrieb verstehen wir uns nicht nur als Bewahrer kultureller Traditionen, sondern auch als Plattform für neue Entwicklungen und gesellschaftliche Trends. E-Sport hat sich längst zu einem bedeutenden Kultur- und Freizeitphänomen entwickelt, das insbesondere junge Menschen begeistert und Communities zusammenbringt.

Holger Reuter, Geschäftsführer und Kurdirektor vom Kurhaus Bad Homburg

Veranstaltungen wie die Hessen Crash 2026 zeigen, dass moderne digitale Formate und klassische Veranstaltungsorte hervorragend zusammenpassen können. Für uns bietet die Öffnung gegenüber solchen Formaten die Chance, neue Zielgruppen anzusprechen, unser Haus vielseitig zu nutzen und den Dialog zwischen unterschiedlichen Generationen zu fördern. Wenn dabei Menschen zusammenkommen, sich austauschen und gemeinsam Begeisterung erleben, entspricht das genau unserem Verständnis eines lebendigen Veranstaltungs- und Kulturstandorts Bad Homburg„, führt Reuter weiter aus.

Exkursion: Kleine Einführung in die Welt der Fighting-Games

Abseits der großen Turnierbühnen bot das Foyer Raum für AustellerInnen und diente als Treffpunkt für die Community. Hier konnten die BesucherInnen individuell gestaltete Arcade Sticks erwerben oder am Stand des Flipper- und Arcademuseums Seligenstadt eine kleine Reise zu den Ursprüngen der Fighting Games unternehmen. Denn beides ist kein Zufall. Noch heute greifen Fighting-Game-Profis statt zum klassischen Controller zum Arcade Stick – eine spezielle Art der Steuerung, die auf die Zeit der Spieleautomaten in den 1980er- und 1990er-Jahren zurückgeht. Eine Zeit, in der das Genre groß wurde.

Genau hier liegt auch die Besonderheit der Fighting-Game-Community. Anders als andere E-Sport-Szenen ist sie nicht im Internet entstanden, sondern in den Arcade-Hallen von einst. Dort saßen die SpielerInnen Schulter an Schulter, beobachteten einander, diskutierten Strategien, lernten voneinander. Dieser persönliche Kontakt prägt die Szene bis heute. Und damit natürlich auch Events wie die Hessen Crash.

Was die Welt der Fighting-Games jedoch wieder mit denen anderer E-Sport-Bereiche vereint, ist der Wettbewerbscharakter. Auch hier geht es um Preisgelder und Marketing-Deals, erklärt mir Spielerin EmpressFGC. Sie ist mit ihrem Team vor Ort und nimmt am offiziellen Wettbewerb teil. Wie der große Teil der FG-Profis, kann sie (noch) nicht von den Preisgeldern leben. Immerhin: Der Deal mit ihrem Sponsor Kryptic spart die Kosten für das Equipment (Anmerkung der Redaktion: Arcade Sticks können mehrere hundert Euro kosten) und Anmeldegebühren. Es gibt zwar auch unter FG-SpielerInnen solche, die hauptberuflich zocken, aber so etwas gibt es seltener als beispielsweise bei E-Sport-Klassikern wie League of Legends.

Die FG-Elite kommt oft aus Korea und Pakistan. Dort finden sich dann durchaus auch Vollzeit-Profi-SpielerInnen, die sechs bis zehn Stunden täglich trainieren. Das Training ist wichtig, denn Movement und Taktik sind in Fighting Games zentral. Manche FG-SpielerInnen trainieren ihre Moves bis zur Perfektion und versuchen, so viele Duelle wie möglich zu spielen. Andere gehen die Sache analytisch bis mathematisch an. Denn der Glücksfaktor spielt hier eine geringere Rolle als in anderen kompetitiven Genres wie beispielsweise Battle Royale.

Enormes Potenzial für Indie-EntwicklerInnen

Ebenfalls im Foyer vertreten: Indie Games. Zumindest theoretisch. Zwar suchte der Veranstalter schon im Vorfeld gezielt nach Indie-Studios, aber am Ende war es nur eines: Team Reptile mit ihrem Titel HYPERFUNK. Dabei ist die Fighting-Game-Community eine dankbare Zielgruppe, um etwas Aufmerksamkeit für das eigene Spiel zu bekommen oder sich wertvolles Feedback einzuholen.

Über 1000 BesucherInnen nutzten die Hessen Crash, um stundenlang unterschiedlichste Spiele auszuprobieren, sich über Spielmechaniken auszutauschen und neue Titel kennenzulernen. Gerade die Wurzeln der Szene in den Arcades sorgen dafür, dass viele SpielerInnen offen für ungewöhnliche Konzepte und Spiele jenseits des Mainstreams sind.

Das müssen keineswegs Fighting Games sein. Auch Actionspiele mit komplexen Kombosystemen, anspruchsvolle Character-Action-Games, Roguelikes, Rhythmusspiele oder allgemein Titel, die schnelle Reaktionen und mechanisches Können belohnen, treffen häufig den Geschmack der Community. Ebenso beliebt sind Retro-inspirierte Spiele oder moderne Titel mit klassischem Arcade-Feeling.

Wer tatsächlich ein Fighting Game entwickeln möchte, sollte die Eigenheiten der Szene kennen. EmpressFGC, langjährige Turnierspielerin und FG-Expertin, sieht Indie-Studios immer wieder an denselben Dingen scheitern:„Viele Indie Fighting Games machen einen von zwei Fehlern. Entweder entfernen sie sich zu weit vom Genre oder sie kopieren bestehende Spiele zu stark.“ Als positives Beispiel nennt sie R.U.S.H.. Das Spiel kombiniert Elemente früherer Tekken-Titel mit Ideen aus dem FG-Klassiker Virtua Fighter. Entscheidend sei eine ausgewogene Balance zwischen Offensive und Defensive und der Mut, nicht ausschließlich den Massengeschmack bedienen zu wollen. „Man sollte auch die Veteranen ansprechen“, empfiehlt Empressfgc.

Fazit: Ein FG-Kultur-Highlight

Wenn ihr an einem Spielkonzept im Arcade-Bereich oder sogar für ein Fighting Game im Kopf habt, solltet ihr die nächste Hessen Crash nicht verpassen. Kaum ein Ort bietet so viele Gelegenheiten, direkt mit einer erfahrenen Zielgruppe ins Gespräch zu kommen und wertvolle Inspirationen zu sammeln.

Doch auch für alle, die Fighting Games einfach erleben möchten, lohnt sich ein Besuch. Statt anonymer Online-Matches stehen hier persönliche Begegnungen im Mittelpunkt. Zwischen Casual-Setups und Turnierbühnen wird über Matches diskutiert, gemeinsam trainiert und anderen SpielerInnen über die Schulter geschaut – ganz so, wie es die Fighting-Game-Community seit den Tagen der Arcades pflegt.

Dass die Hessen Crash längst über die Region hinausstrahlt, zeigen auch die Zahlen: Von den 1.093 BesucherInnen nahmen 339 an den offiziellen Turnieren teil, darunter 109 internationale TeilnehmerInnen. Die drei offiziellen Streams wurden zusätzlich von drei spanischsprachigen und einem englischsprachigen Kanal restreamt und erreichten insgesamt 23.700 ZuschauerInnen.

„Ich kann es immer noch nicht fassen, dass wieder Spieler aus China und Mexiko am Start waren und die Community das Event und die Location so gefeiert hat.“

Jan Openkowski, Initiator der Hessen Crash und CEO von B2CU

Auch Veranstalter Jan Openkowski von 2BCU freut sich über die Entwicklung seines Events und die konstruktive Zusammenarbeit mit dem Kurhaus: „Hessen Crash XXIII war wieder ein voller Erfolg. Im Kurhaus Bad Homburg kamen nicht nur 400 Spieler aus der ganzen Welt zusammen, auch die Atmosphäre war super! Wir freuen uns darauf, nächstes Jahr noch mehr Spieler zum Hessen Crash begrüßen zu dürfen. Ich möchte mich bei der Stadt Bad Homburg unseren Partnern und vor allem Tanja Jost, die das Event in Bad Homburg möglich gemacht hat, für die tolle Zusammenarbeit bedanken.“

Nach einem Wochenende auf der Hessen Crash bleibt vor allem eine Erkenntnis: Dieses Event ist weit mehr als ein E-Sport-Turnier. Es ist ein Treffpunkt für eine Szene, die ihren Kern seit Jahrzehnten bewahrt. Zwischen historischen Kronleuchtern und Großbildschirmen wird deutlich, dass die Fighting-Game-Community nicht nur vom Wettbewerb lebt, sondern vor allem von den Menschen, die sich hier begegnen und austauschen. Und je mehr ich mir diese Dinge bewusst mache, desto mehr erscheint mir ein Kurhaus als Veranstaltungsort für ein FG-Event nicht mehr als spannender Gegensatz, sondern als logische Heimat. Denn wie die Arcades, aus denen die Fighting-Game-Community einst hervorging, lebt auch das Kurhaus vor allem von einem Gedanken: Menschen zusammenzubringen.

Copyright Headerbild: Quelle: Hessen Crash/B2CU, Autor: Lenny Munier

P.S.: Vielen Dank, Jan, für die Einladung. Und vielen Dank, EmpressFGC, für deine Einblicke!

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