Regelmäßige Team-Meetings gehören fest zum Alltag von agilen Projekten.

Gast-Artikel: Fünf Tipps aus dem agilen Projektmanagement für die erfolgreiche Umsetzung eures Games

Die Entwicklung von Indie-Games ist oft ein Balanceakt zwischen Kreativität, begrenztem Zugang zu Ressourcen und ehrgeizigen Zielen. Während größere Studios auf viel Personal und fette Budgets zurückgreifen können, müssen Indie-Entwickler klug und effizient arbeiten, um ihre Vision zum Leben zu erwecken. Methoden aus dem agilen Projektmanagement können hier eine Lösung sein. Wir zeigen euch wie.

Endlich ist es geschafft: Dein Spielkonzept hat eine Förderung bekommen und du hast endlich die nötigen finanziellen Mittel, um dich auf die Suche nach Menschen zu machen, die mit dir gemeinsam deine Vision umsetzen. Das eröffnet völlig neue Möglichkeiten, bringt aber auch eine Reihe von neuen Herausforderungen mit sich. Bisher hast du dir alles im eigenen Tempo selbst erarbeitet. Jetzt musst du deinen Workflow mit anderen abstimmen und dafür sorgen, dass jeder immer weiß, was er/sie zu tun hat. Auch musst du entscheiden, ob du lieber mit Freiberufler:innen zusammenarbeitest oder ob du gemeinsam mit anderen eine Firma gründen möchtest. Egal, welchen Weg du gehst, jetzt ist Teamwork angesagt!

Tipp 1: Ein gemeinsames Ziel definieren

Als Einzelperson kann ich mir leicht meine eigenen Ziele setzen und diese dann auch gleich zielorientiert angehen. Wenn mehr Personen auf die gleiche Zielsetzung hinarbeiten sollen, dann kann es schon mal zu Missverständnissen über das Ziel kommen. Aus diesem Grund ist es hilfreich, sich die Zeit zu nehmen, um ein gemeinsames mentales Modell des angestrebten Ziels für das gemeinsame Produkt herzustellen.

Das kann im Kleinen die Zielsetzung für die kommende Woche oder den kommenden Monat bedeuten, indem man den abgesteckten Zeitraum gemeinsam plant. Bei Scrum setzen sich Teams beispielsweise am Beginn des Sprints im Rahmen der Sprintplanung ein sogenanntes Sprintziel. Ein Sprint umfasst dabei einen Zeitraum von meist 1-4 Wochen. Wenn ihr also plant, beispielsweise euer Adventure-Game um ein Kapitel zu erweitern, so könnte ein entsprechendes Sprintziel genau das beschreiben. Die weiteren Aufgaben wie das Plotten der Story für das Kapitel, die grafische Umsetzung der Szene sowie die Definition der zugehörigen Assets etc. wären typische Bestandteile eurer Feinplanung, die sich aus diesem Sprintziel ableiten.

Damit sich der Weg zum fertigen Spiel für die Mitwirkenden nicht wie ein Irrgarten anfühlt, ist es wichtig, die einzelnen Schritte eng abzustimmen. Quelle: Pixabay, Autor: Daniel Roberts (BlenderTimer)

Ein Sprintziel ist dabei stets ein Schritt hin zu einem größeren, gemeinsamen Ziel, dem Produktziel. Das neue Kapitel im Adventure wird sich ebenfalls an dem darüber liegenden Ziel für das ganze Spiel orientieren. Es ist essentiell für die erfolgreiche Umsetzung der Spielvision, dass ihr dieses Ziel klar definiert, dass alle es kennen und jeder zu jeder Zeit auf dieses Ziel hinarbeitet. Kommt jemand neu ins Team, muss er als erstes mit diesem Ziel vertraut gemacht werden.

Die Verwirklichung eines Projektziels ist dabei immer ein Prozess. Natürlich lernen wir während der Entwicklung immer wieder neue Dinge hinzu: über unsere Zielgruppe, darüber, ob der Kern-Gameplay-Loop Spaß macht oder eine Mechanik so funktioniert, wie wir sie uns gedacht haben, etc. Regelmäßig mit dem gesamten Team auf das Konzept (Ziel) des Spiels zu schauen und zu überlegen, ob es eine andere Richtung braucht, oder gar aus unserem Action-Adventure jetzt ein Action-Platformer werden soll, lenkt nicht etwa vom Ziel ab, sondern ist zentral für den Projekterfolg.

Tipp 2: Iterativ-inkrementell vorgehen

Agile Vorgehensweisen favorisieren ein sogenanntes iterativ-inkrementelles Vorgehen. Iterativ bedeutet, dass wir in (kleinen) Zyklen von beispielsweise zwei oder vier Wochen arbeiten. Iterativ-inkrementell bedeutet, dass wir am Ende jeder dieser Zyklen ein Stückchen weiter sind.

Der iterativ-inkrementelle Ansatz ist nicht völlig neu in der Entwicklerszene. Vielleicht wendet ihr ihn bereits an, ohne es zu wissen. Ein berühmter Vertreter, der ebenfalls iterativ-inkrementell vorgegangen ist, war TellTaleGames. Ihre jeweiligen in Entwicklung befindlichen Spiele haben die zuständigen Verantwortlichen nicht in einem großen Release an die Spieler:innen gebracht. Stattdessen setzte TellTale auf eine serielle Veröffentlichung der Inhalte. Immer im Abstand von einigen Wochen oder Monaten wurde ein Teil veröffentlicht, bis den Spieler:innen irgendwann das komplette Game zur Verfügung stand.

Iterativ-Inkrementelles Vorgehensmodell by gamerrepublic
Iterativ-inkrementelles Vorgehensmodell: Während beim iterativen Vorgehen ein Produkt inhaltlich schrittweise verbessert wird, sieht die inkrementelle Vorgehensweise einen Schrittweisen Ausbau des Produkts vor. Quelle: gamerrepublic.de, Autor: gamerrepublic.de

Doch welche Vorteile ergeben sich dadurch? TellTaleGames konnte bei der Veröffentlichung früh Feedback der Spieler:innen aufnehmen und in die Entwicklung der weiteren Teile einfließen lassen. Durch das direkte Feedback der Spielenden konnte TellTaleGames rechtzeitig erkennen, welche Spiele und welche Mechaniken gut bei ihrer Zielgruppe ankommen. Fiel eine Mechanik oder gleich das ganze Spiel durch, konnten sie es entweder früh in eine Richtung bringen oder gänzlich die Entwicklung des Spiels einstellen und so Entwicklungskosten einsparen. 

Sobald ihr einen funktionierenden Prototypen habt, solltet ihr darüber nachdenken, wie ihr ihn für eine kleinere oder größere Testgruppe verfügbar machen könnt – und in diesem Sinne den iterativ-inkrementellen Ansatz nutzt. Auch ihr könnt bereits Teile des Spiels vor der Fertigstellung an Early Adopter geben und die weitere Entwicklung mit Hilfe des Feedbacks der ersten Spieler:innen effizient zu Ende bringen. Ob in Form eines ersten Kapitels oder eines Vertical Slice, der eurer Zielgruppe die Key-Features eures Spiels vorstellt – egal, ob die Grafiken schon in der finalen Version vorliegen oder das Finale noch nicht zu Ende gedacht ist – wer früh Feedback bekommt, kann früh (agil) handeln.

Tipp 3: Regelmäßig koordinieren

Mehr Personen in der Entwicklung eines Spiels bedeutet auch, dass potentiell verschiedene Vorstellungen von der Vision entstehen. Um dem entgegenzuwirken, habe ich bereits eingangs die Empfehlung beschrieben, sich regelmäßig kleinere Ziele zu setzen und diese gemeinsam abzusprechen. So arbeitet das Team Sprint für Sprint auf das gemeinsame Ziel hin.

Darüber hinaus kann auch in der täglichen Arbeit Abstimmungsbedarf zwischen den Beteiligten entstehen. In der agilen Community hat sich die Praktik eines täglichen Austauschs etabliert. Alle Beteiligten treffen sich für maximal 15 Minuten und bringen sich auf einen gemeinsamen Stand darüber, wo sie mit der Arbeit insgesamt als Team stehen. 

“Gestern habe ich die Textur für Andi eingepflegt. Ich kann Dir nach unserem Daily zeigen, wo Du sie findest.” 

“Das ist super. Ich bin gestern mit dem Code für die Grafiken so weit durchgekommen, dass ich heute gerne einmal ein Testspiel durchklicken möchte.”

So könnte ein Austausch im Rahmen eines Koordinationsmeetings aussehen. Die beiden Beteiligten bringen sich über die wichtigsten Neuerungen auf den aktuellen Stand und können so effizienter auf ihr gemeinsames Ziel hinarbeiten. 

In agilen Projekten findet so ein Koordinationsmeeting auf täglicher Basis statt. Je nachdem, in welcher Entwicklungsphase sich ein Spiel gerade befindet oder wie groß und effizient euer Team ist, ist eine Koordination auf täglicher Basis nicht immer sinnvoll. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn die Entwicklung des Spieles neben dem eigentlichen Hauptberuf noch stattfindet und die Entwicklung immer nur dann weitergeht, wenn abends noch Zeit und Energie neben der Familie vorhanden ist. Welche Frequenz und Regelmäßigkeit zu eurem Team passt, bestimmt ihr selbst. Das kann auch alle paar Tage oder wöchentlich sein. 

Meetings, Dailys, Weeklys, Standup Meeting
Ob tägliche Mini-Meetings oder wöchentliche Treffen in größerer Runde: Der regelmäßige Austausch zwischen den Projektbeteiligten ist wichtig für den Projekterfolg. Quelle: unsplash.com, Autor: Austin Distel

Und natürlich muss die Koordination untereinander nicht immer synchron erfolgen. Über ein gemeinsames Board ist der aktuelle Arbeitsstand unabhängig von der Tageszeit für alle einsehbar. Spezielle Gruppenchats für Arbeitsgruppen (z.B. für Grafikdesigner zum Austausch über Assets) helfen dabei, Detailinformationen direkt zu denjenigen zu tragen, die sie auch wirklich betreffen. Umgekehrt werden andere, für die die Information nicht relevant ist, nicht von ihren eigentlichen Aufgaben abgelenkt. Auch bei der Wahl der Projektmanagement- oder Kommunikationstools gilt: Ihr entscheidet, was für euch funktioniert.

Tipp 4: Das Pfadfinder-Prinzip anwenden

Auch bei der Verwaltung eurer Daten (Arbeitsstände) und Dokumente gibt es ein paar Dinge zu beachten, wenn ihr in eurem Projekt agil bleiben wollt. Die wohl größte Herausforderung lässt sich dabei mit dem Pfadfinder-Prinzip lösen. Anfangs arbeite ich alleine mit der Code-Basis. Dabei herrscht natürlich automatisch ein einheitliches Verständnis davon, welche Dateien wo abgelegt werden, welche Funktionen wohin gehören und so weiter. Arbeiten jetzt mehrere Personen mit der Code-Basis weiter, können unterschiedliche Menschen basierend auf ihren Vorerfahrungen eigene Ideen für die Organisation und das Design des Codes haben.

In der Software-Entwicklung einigt man sich dann in einem Team häufig auf einen gemeinsamen Programmierstil. Doch was passiert mit den Altlasten? Klar, kleinere Sachen können innerhalb von einer Stunde mit viel Liebe gelöst werden, aber was ist mit den größeren Umbauten? Und gleichzeitig warten unsere Spieler:innen da draußen auch neugierig auf ein Update oder die Fertigstellung des Spiels. Hier hilft das Pfadfinder-Prinzip:

Hinterlasse den Campingplatz sauberer, als Du ihn vorgefunden hast.

Bezogen auf unsere Spieleentwicklung bedeutet das, wann immer ich eine Änderung vornehme, etwas ergänze, eine neue Datei anlege, sorge ich dafür, dass die Code-Basis anschließend sauberer ist, als ich sie vorgefunden habe. Das hilft nicht nur dem, der nach mir damit arbeiten muss, sondern wirkt sich auch auf die Qualität unseres Endproduktes aus. Das Pfadfinder-Prinzip gilt natürlich auch für eine einheitliche Ablage von Grafiken, Sounds und Musik in der Ordnerstruktur des Projektes. Als Daumenregel sollte hierbei gelten: Je weniger die Struktur für Verwirrung sorgt, desto eher halten die Beteiligten sie auch ein.

Tipp 5: Regelmäßig reflektieren

Zu guter Letzt noch der wohl wichtigste Tipp. Mit einem gemeinsam abgestimmten Programmierstandard, einer (nahezu) täglichen Koordination, gemeinsamen Zielen kann es trotzdem im Alltag auch mal ruckeln. Am Ende des Tages sind wir alle “nur” Menschen, haben einen schlechten Tag, sind krank, kämpfen mit privaten Herausforderungen oder Konflikten im Team. Um dieses Konfliktpotential in Grenzen zu halten, solltet ihr euch immer Raum für Veränderungen lassen. Gerade wenn mehrere Menschen an etwas Gemeinsamen arbeiten, kann es sein, dass anfängliche Regeln irgendwann nicht mehr für jeden passen. Das sollte offen angesprochen und auch offen diskutiert werden können, damit es zu einer gemeinsamen Lösung kommt.

In der agilen Welt setzen sich Teams daher regelmäßig zusammen, halten für einen Moment inne, betrachten die gemeinsame Arbeit und was sie daran ändern möchten. Im Rahmen einer Teamretrospektive versuchen sie beispielsweise herauszufinden, was das größte Problem für das Team im Moment ist. Es werden Lösungsvorschläge erarbeitet und ein gemeinsamer Ansatz für das weitere Vorgehen entwickelt. Das kann mal etwas Kleines sein, wie die Anpassung des Programmier-Standards oder eine Vereinbarung darüber, wo Grafiken ab sofort abgelegt werden. Manchmal kommt uns aber auch das Zwischenmenschliche in die Quere. Ich erinnere mich beispielsweise an eine Teamretrospektive, bei der zwei Personen im Team einen Konflikt miteinander hatten und dieser jetzt auf den Tisch kam. Als Team haben wir uns mit den Ursachen dahinter versucht auseinanderzusetzen und dann zwei einfache Maßnahmen dafür definiert, so dass uns der Konflikt der beiden für die weitere Entwicklung so wenig wie möglich stören könnte. Im darauf folgenden 2-Wochen-Sprint hatten wir damals das Doppelte von dem fertiggestellt, was wir ursprünglich eingeplant hatten.

Reflektion
Das Projekt kommt nur schleppend voran, obwohl ihr schon seit Wochen Überstunden macht? Dann ist es höchste Zeit, dass ihr euch zusammensetzt und überlegt, woran das liegt. Quelle: Unsplash, Autor: Celpax

Eine regelmäßige Reflektion sollte nicht nur innerhalb des Kernteams stattfinden. Der gemeinsame Blick mit Spieler:innen auf das Spiel ist genauso wichtig. In der agilen Vorgehensweise Scrum trennt man deswegen beispielsweise zwischen der Reflektion mit den Stakeholdern im Rahmen eines Sprint Reviews, wo Feedback zum bisherigen Produkt an das Team herangetragen werden kann, und der Sprint Retrospektive, in der das Scrum-Team seine Vorgehensweisen betrachtet und gegebenenfalls Anpassungen daran vornimmt.

Fazit: Einfach machen

Da das agile Projektmanagement impliziert, dass der Workflow und die Arbeitsergebnisse regelmäßig hinterfragt und verbessert werden, könnt ihr theoretisch jederzeit damit anfangen, euer Projekt nach der agilen Methode zu organisieren. Ganz im Sinne eines iterativ-inkrementellen Vorgehens, sorgen die fortlaufende Reflektion und eng abgestimmte Koordination automatisch für eine Optimierung des Entwicklungsprozesses und eurer Zusammenarbeit. Mit anderen Worten: Mit der Zeit findet ihr von selbst heraus, was genau für euch am besten funktioniert.

Im agilen Projektmanagement gibt es kein Patentrezept, das für alle Teams passt, aber unsere 5 Tipps bilden ein stabiles Fundament, auf das ihr aufbauen könnt. Ein klar definiertes Ziel sorgt für Orientierung, während der iterativ-inkrementelle Ansatz Flexibilität schafft, um auf Feedback (intern wie extern) zu reagieren. Regelmäßige Abstimmung in Meetings hält das Team auf Kurs, und das Pfadfinder-Prinzip bewahrt die Arbeitsstrukturen vor Chaos. Schließlich hilft die regelmäßige Reflektion dabei, kontinuierlich sowohl die Teamarbeit als auch das Produkt zu verbessern. Zusammen schaffen diese Ansätze einen dynamischen und effektiven Workflow, der eure Game-Vision Wirklichkeit werden lässt.

Ein letzter Tipp zu Regeln: Nichts ist schädlicher als Regeln, die niemand (mehr) befolgt. Überprüft eure Regeln regelmäßig und verabschiedet euch von denen, die nicht mehr nötig sind – so bleibt euer Team flexibel und effektiv.

Über unseren Gast-Autor

Markus Gärtner arbeitet als Organizational Design Consultant, Certified Scrum Trainer (CST) und Agile Coach. Markus schrieb unter anderem ATDD by Example – A Practical Guide to Acceptance Test-Driven Development, erhielt den Most Influential Agile Testing Professional Person Award in 2013 und steuert zur Softwerkskammer, der deutschen Software Craft Bewegung, bei. Er bloggt auf Englisch unter https://www.shino.de/blog sowie auf Deutsch unter https://www.mgaertne.de.

Literatur und Referenzen

Aktueller Scrum Guide

RetroMat zur Retrospektiven-Gestaltung

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